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Die Seleção auf der Reise ins Ungewisse

Datum: 02. Juli 2006
Uhrzeit: 02:49 Uhr
Ressorts: Sport
Leserecho: 2 Kommentare
Autor: Dietmar Lang
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Ein Nachruf von Dietmar Lang

Begeistert werden sie empfangen. In der Schweiz, wo sie zuerst ihr Quartier beziehen, sind die Tickets für die Trainingseinheiten binnen Stunden ausverkauft. Haushohe Siege in Testspielen, eine riesige Show, und die Seleção ist erster Aspirant für den diesjährigen Weltmeistertitel.

Der Favorit kommt nach Deutschland. Ständig wird live im brasilianischen Fernsehen jeder Schritt der Weltklassespieler beobachtet. Immenser Medienrummel auch beim einzigen öffentlichen Training auf deutschem Boden. Die kostenlosen Karten erzielen gute Umsätze in Online-Auktionshäusern. Wer soll diese Mannschaft schlagen? Der Sieger seht fest.

Die Gruppenphase der Weltmeisterschaft beginnt. Kein Glanz, keine Spielfreude, das Ergebnis zählt. Können sie es nicht besser oder arbeiten sie nicht mehr als nötig? Die Weltpresse ist ratlos. Das letzte Spiel gegen Japan lässt die Kritiker verstummen. Das jogobonito, das schöne Spiel kehrt auf den deutschen Rasen zurück. Achtelfinale erreicht. 3 Siege. Noch Fragen?

Natürlich. Wie war das noch gleich mit Ronaldos Gewicht? Die Antwort kommt. Allerdings erst nach den ersten Treffern des Torschützenkönigs der WM 2002. Wer trifft, der darf auch mal ausser Puste sein. Und zu dick. Hauptsache das Ergebnis stimmt.

Gegen Ghana dann wieder enttäuschender Ergebnisfussball. 3:0 heisst es am Ende für die Mannschaft unter Carlos Alberto Parreira. Der Trainer, der mit der Seleção bereits 1994 in den USA Weltmeister wurde, ist unzufrieden, macht aber gute Mine zum bösen Spiel. Zitate wie “Jetzt kommen die schweren Gegner” oder “Nun fängt die WM erst richtig an” geistern durch die Presse.

Die Menschen wollen Fussball sehen. Brasilianischen Fussball. Parreira stellt die Mannschaft für das Viertelfinale um. Es soll die grosse Revanche gegen Frankreich werden. Die Schmach von 1998 soll getilgt werden. Brasilianer vergessen nicht so leicht. Und sie werden nun auch nicht das Tor von Henry vergessen. Dieses eine Tor, dass alle Titelträume platzen lässt. Dieses Tor, welches offenlegt, dass ein Haufen Weltklassespieler noch keine Mannschaft machen. Dieses Tor, dass die Seleção heimschickt. In ein Land im Schockzustand. Die “Festa” fällt aus.

Tränen über Tränen. Brasilien beweint ein frühes Ausscheiden. Die Spieler weinen auf dem Platz vor Frust und Enttäuschung. Ziel verfehlt. Wo doch schon vorher alles klar war. Nun ist alles anders.

Solange Brasilien siegt, verstummt zumindest im eigenen Land die Kritik. Doch nun wird sie laut. Zu passiv, zu lethargisch sei die Seleção. Und zu alt. In ersten Umfragen heisst der Verantwortliche Carlos Alberto Parreira. Der Trainer sei zu ängstlich und zu ergebnisorientiert. Spielfreunde wäre ihm nicht wichtig. Junge, frische Spieler müssten den Untergang auf der Ersatzbank ertragen, während die “Rentner” sich auf dem Platz abmühten. Die Formel erscheint einfach.

Morgen fliegt die Seleção zurück nach Brasilien. Zumindest ein Teil. 11 von 23 Spielern bleiben direkt in Europa. Kehren direkt zu ihren Clubs zurück. Da verdienen sie auch mehr als im kanariengelben Trikot. Rund 110.000 Euro für den Titelgewinn hätte es vom brasilianischen Fussballverband CBF gegeben. Dafür geht man in Mailand, Madrid oder Barcelona noch nicht einmal zum Training. Der Rest fliegt nach Rio de Janeiro und São Paulo. Das Abenteuer “Rumo ao Hexa” ist beendet. Lasst alle ihre Wege gehen. Am besten allein.

Ich denke, die Anhänger in Brasilien hätten mehr verdient. Bei aller Kritik lieben sie ihre Seleção. Und sie werden sie auch wieder anfeuern. Dem hätten die Topverdiener Brasiliens gerecht werden müssen. Viele Menschen in Brasilien werden noch in einem Jahr den neuen Fernseher abbezahlen. Ist es da so schwer gemeinsam – wenn auch als Verlierer – nach Brasilien zurückzukehren?

Man nehme zwei Handvoll Weltklassespieler. Stecke sie in eine Mannschaft. Spieler, die sich mehr um Werbeeinnahmen kümmern als um Torerfolge. So verschieden und ohne Mannschaftsgeist. So kann man nicht gewinnen. So kann man nur enttäuschen.

Die Seleção ist auf der Reise ins Ungewisse. Veteranen werden abdanken, neue Spieler werden nachkommen. Der Trainer hat sich noch nicht entschieden. Nun liegt es am Verband. Brasilien braucht eine Mannschaft. Ein Mannschaft wo jeder für jeden kämpft. Wo man gemeinsam gewinnt. Und wo man auch gemeinsam verliert.

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Kommentarbereich

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  1. 1
    nadine

    🙄 hier war die stimmung auch gedrückt, ich denke die meisten haben gehofft deutschlang gegen brasilien im endspiel zu sehen.

    schade.

  2. 2
    Careca

    Applaus von mir für deinen Nachruf. Top!

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