Der Wahlkampf in Brasilien neigt sich dem Ende entgegen. Die Kampagnen sind abgeschlossen, die letzten TV-Debatten flimmerten über die Bildschirme, die Plätze der Abschlusskundgebungen bereits wieder aufgeräumt. Und auch die letzten Umfragen wurden nun veröffentlicht. Alle sehen zweifellos die Wunschkandidatin von Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva weit vorne. Aber reicht der Vorsprung der eiskalten Technokratin, die sich zum ersten Mal in ihrem Leben einer Direktwahl stellt, am Ende aus?
Ihr stärkster Konkurrent José Serra von den in Brasilien traditionell konservativen Sozialdemokraten geht weiter von einer Stichwahl aus. Er blickt dabei auch auf die Präsidentschaftswahl 2002 zurück, wo keiner im Vorfeld dachte, dass er die Stichwahl gegen den späteren Sieger Lula da Silva erreichen könnte. Im zur Hilfe kommen könnte dabei die Grünen-Spitzenkandidatin und ehemalige Umweltministerin Marina Silva. Sie könnte möglicherweise viele Unentschlossene im letzten Moment auf ihre Seite ziehen und damit einen Sieg der ehemaligen Kabinettschefin im ersten Wahlgang verhindern.
„Brasilien muss sich weiter verändern“ und „Brasilien kann es besser“: So lauten die Slogans der Spitzenkandidaten Rousseff bzw. Serra. Programmatisch liegen sie nicht weit auseinander, der derzeitige Wirtschaftsboom muss und soll natürlich fortgeführt werden. Kein Kandidat hat ein Charisma wie das scheidende Staatsoberhaupt, doch die ihm entgegengebrachte Sympathie beflügelt die Chancen der 62-jährigen „Ziehtochter“ des ehemaligen Metallarbeiters aus dem armen Nordosten.
Analysten und Beobachter gehen daher von einem extrem spannenden Wahlabend aus. Rund 135 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer müssen am kommenden Sonntag ihre Stimme abgeben. Denn im grössten Land Südamerikas herrscht Wahlpflicht. Die Ergebnisse werden anders als bei den in Venezuela so hoch gelobten „transparenten Wahlen“ direkt ins Internet gespielt und können so nahezu in Echtzeit mitverfolgt werden.
Bis dahin müssen sich die Wähler allerdings an den Prognosen orientieren. Gleich mehrere Meinungsforschungsinstitute haben in den vergangenen Stunden ihre Ergebnisse der jüngsten Wählerbefragungen publiziert:
- Dilma Rousseff (PT): 50%
- José Serra (PSDB): 27%
- Marina Silva (PV): 13%
- Ungültig/Enthaltung: 4%
- Unentschlossen: 4%
- Fehlermarge: 2%
- Dilma Rousseff (PT): 46%
- José Serra (PSDB): 28%
- Marina Silva (PV): 14%
- Ungültig/Enthaltung: 4%
- Unentschlossen: 7%
- Fehlermarge: 2%
- Dilma Rousseff (PT): 47,5%
- José Serra (PSDB): 25,6%
- Marina Silva (PV): 11,6%
- Ungültig/Enthaltung: 3,6%
- Unentschlossen: 9,5%
- Fehlermarge: 2,2%
Foto: Marcello Casal Jr/Abr