Darf eine Jugendliche auf einer Theaterbühne im Rahmen des Stückes ihre nackte Brüste zur Schau stellen? Diese Frage beschäftigt mittlerweile die Staatsanwaltschaft in Brasilien. Die 16-jährige Malu Rodrigues spielt derzeit die weibliche Protagonistin in einem Musical frei nach Frank Wedekinds „Frühlingserwachen“. In dem Drama des deutschen Schriftstellers über Pubertät, Homosexualität und Inzest verkörpert der landesweit bekannte Muscialstar die 14-jährige Wendla Bergmann und entblösst dabei in einer angedeuteten Sex-Szene kurzzeitig ihren Busen.
Über 100.000 Besucher haben die Aufführungen in den letzten 10 Monaten in São Paulo und Rio de Janeiro verfolgt, über eine Verlängerung wird derzeit mit Hauptsponsor Bradesco verhandelt. „O Despertar da Primavera“, so der Titel des Musicals in Brasilien, wurde bereits 2007 erfolgreich am Broadway in New York gespielt und nun für das brasilianische Publikum adaptiert. Malu Rodrigues selbst ist im grössten Land Südamerikas absolut keine Unbekannte. Neben Haupt- und Nebenrollen in anderen Musicals („A Noviça Rebelde“, „Sete“) spielte sie in den vergangenen Jahren in diversen Fernsehserien („JK“) und Kinofilmen („Didi quer ser criança“) mit, zudem lieh sie in mehreren Animationsfilmen unter anderem Barbie ihre Stimme.
Der Vater der jungen Frau kann die Aufregung nicht verstehen. Gegenüber dem brasilianischen Nachrichtenmagazin G1 erklärte er, sämtliche Auflagen bezüglich der Auftritte seiner Tochter zu befolgen. So wurde er seitens der Jugendbehörden von Rio de Janeiro verpflichtet, bei sämtlichen Aufführungen persönlich anwesend zu sein. Negative Resonanz seitens des Publikums habe er nie erfahren. Es sei ein klassisches Stück und die nun umstrittene Szene erfolge in einem entsprechenden Kontext.
So sieht es auch der Agent von Malu Rodrigues. Es sei wenn überhaupt Nacktheit, aber niemals „pornografischer Natur“. Zudem sei die Szene von einem Gericht gestattet worden, auch die Eltern des Mädchens hätten die Zustimmung erteilt. Die Sex-Szene sei „romantischer Natur“, dabei sei zwar kurz die rechte Brust zu sehen, aber all dies sei kein Grund für die ganze Aufregung.
Dies sieht die nun hellhörig gewordene Staatsanwaltschaft anders. Sie vermutet einen Verstoss gegen die „Statuten für Kinder und Jugendliche“, dem brasilianischen Jugendschutzgesetz und hat die Zivilpolizei beauftragt, entsprechende Ermittlungen aufzunehmen. Laut dem Gesetz werden „Szenen von expliziten Sex oder Pornografie, bei denen Kinder oder Jugendliche beteiligt sind, produziert, reproduziert, anleitet, fotografiert, filmt oder über gleich welches Medium vertreibt“ unter Strafe gestellt. Den Tätern drohen bis zu acht Jahren Haft.