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Curitiba: Ein Portrait der Öko-Stadt

Datum: 04. März 2006
Uhrzeit: 19:47 Uhr
Ressorts: Tourismus
Leserecho: 2 Kommentare
Autor: Dietmar Lang
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Die sauberste Stadt Brasiliens ist – so behauptet man zumindest – Curitiba. Doch wenige kennen sie im Vergleich zu Rio de Janeiro oder São Paulo. Daher möchte ich sie euch heute etwas genauer vorstellen.

Curitiba ist 312 Jahre alt. Nicht viel im Vergleich zu vielen anderen Städten auf der Welt. Und doch scheint Curitiba der Zeit voraus zu sein. Sie ist die einzigste Stadt Brasiliens die mit nationalem und internationalem Vorbildcharakter dank vorrausschauender Planung in den Bereichen Stadtentwicklung und Lebensqualität in das 21. Jahrhundert eingetreten ist. Und sie gehört zu den wohlhabensten Städten Brasiliens. Eine Untersuchung der Vereinten Nationen im März 2001 hat ergeben, dass die Haupstadt des Bundesstaates Paraná im Sachen Lebensqualität an erster Stelle steht.

Schon der Name „Kiefernwald“, manchmal auch mit „Pinienkernen“ übersetzt, ein Begriff aus der Sprache der Tupí-Guarani-Indianer, spiegelt die ernstgenommene Ökologie in Bezug auf Stadtentwicklung wider. In Curitiba gibt es 30 Parks und etwa 81 Millionen Quadratmeter Grünflächen. Somit kommen auf jeden der knapp 1,7 Millionen Einwohner in etwa 51 Quadratmeter Natur. Durch unzählige Naturschutz-Projekte, die auch um die Stadt herum in den Neunziger Jahren verwirklicht wurden, wurde die südbrasilianische Metropole von dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) als Stadt mit der weltweit besten Lebensqualität ausgezeichnet. Für März 2006 wurde die Stadt, die etwa 90 km von der Antlantikküste entfernt im Landesinneren auf einem Hochplateau liegt, aufgrund der hervorragenden Infrastruktur und der nicht oft genug zu wiederholenden exzellenten Lebensqualität aus fünf anderen Bewerbern als Veranstaltungsort für zwei Uno-Konferenzen im Bereich Biologie und Biotechnologie ausgewählt. Erwartet werden dazu etwa 6000 Teilnehmer aus 196 Ländern.

Und als ob dies nicht alles schon genug wäre, wählte eine amerikanische Wirtschaftszeitung Curitiba im Jahre 2005 zur zweitbesten Stadt Brasiliens und zur fünftbesten Stadt Lateinamerikas, wenn es um Geschäftsabschlüsse geht. Sie musste sich in diesem Jahr nur São Paulo geschlagen geben. Bereits von 2000 bis 2002 gewann die „ökologische Hauptstadt der Welt“ dreimal hintereinander in der Zeitschrift „Exame“ den Preis für die beste Geschäftsstadt Brasiliens. Diese vielen Ehrungen bilden mit die Grundlage für ein stetig wachsendes weltweites Interesse an der auf 900 Höhenmetern gelegenen Stadt. Besonders interessant sind für die vielen Besuchergruppen aus aller Welt die Stadtentwicklung und die ökologischen Projekte sowie der Nahverkehr. Allein im Jahre 2004 besuchten über 2000 Delegationen Curitiba.

Die Vergangenheit Curitibas kann sich ebenfalls in Sachen Entwicklung sehen lassen. 1693 auf den Namen „Vila Nossa Senhora da Luz e Bom Jesus dos Pinhais“ von den Portugiesern auf der Suche nach Gold und Sklaven gegründet, erhielt sie 1721 ihren jetzigen Namen. 1842 wurden ihr die Stadtrechte verliehen und 1854 wurde sie Hauptstadt des neu gegründeten Bundesstaates Paraná. Curitibia entwickelte sich durch einen florierenden Handel, anfänglich durch Mate-Teepflanzen, später durch Kaffee- und Viehhandel rasch, und so folgten schon bald Schulen und das erste Theater. Ende des 19. Jahrhundertes kamen viele europäische Immigranten nach Brasilien und liessen sich gerne in dem klimatisch gemässigten Süden nieder. So wuchs Curitiba schnell und viele Einwanderer entdeckten für sich das Hinterland, welches damals nahezu unbewohnt war. Durch ihre Freundlichkeit gegenüber den dort ansässigen Tupí oder Guaraní-Indianer kam es zu keinerlei Schwierigkeiten bei der Errichtung weiterer kleiner Kolonien samt Weide- und Ackerflächen, die alle aus dem damals noch fast vollständig erhaltenen Dschungel herausgerodet werden mussten. Die Einwanderer verstanden ihr Handwerk und verzichteten entgegen der grossen Plantagenbesitzer des Nordostens zumeist auf afrikanische Sklaven. Wichtigster Marktplatz der Region war natürlich Curitiba. Weitere Einwanderungswellen liessen die Stadt stetig weiter wachsen.

Und so folgte Erfolg auf Erfolg. Bereits 1913 nahmen die ersten elektrischen Busse ihren Linienbetrieb auf. Heute besitzt Curitiba einen einzigartigen öffentlichen Personennahverkehr, welcher der Stadt eine nahezu autofreie Innenstadt beschert und sie wie ein Spinnennetz überzieht. 85 Prozent aller Einwohner nutzen dieses System seit seiner Einführung in den achtziger Jahren, bei dem an vielen Haltestellen in andere Linien umgestiegen werden kann. So kann man jeden Punkt der Stadt für einen einzigen Fahrpreis zu erreichen. Ein sogenanntes „Dreifach-Strassensystem“ wurde eingeführt, viele Strassen wurden gesperrt und so verringerte den innerstädtische Individualverkehr um ein vielfaches. Für weite Strecken stehen ein grosser Busbahnhof und ein internationaler Flughafen zur Verfügung. Aus Europa erreicht man Curitiba über die Flughäfen São Paulo oder Rio de Janeiro.

Doch auch das kulturelle Erbe lag den Stadtplanern am Herzen. Besonders die historischen Gebäude sollten bewahrt werden. Daher wurde bereits Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts damit begonnen, die Altstadt nachhaltig zu schützen. Zu diesem Zeitpunkt zählte die Stadt schon knapp 500.000 Einwohner, 1940 waren es noch knapp 140.000 Einwohner gewesen. Eine intelligente Siedlungspolitik verhinderte die in so vielen brasilianischen Städten anzutreffende unkontrollierte städtische Ausbreitung. Trotzdem gibt es auch in Curitiba Randbezirke mit sozialen Brennpunkten. Daher hat die Stadtverwaltung viele Sozialwohnungen gebaut, um den Menschen aus ärmeren Schichten nun die Möglichkeit zu bieten, den Favelas zu entkommen. Es muss selbstverständlich eine niedrige Miete gezahlt werden, dafür gehen die Wohnungen jedoch nach 12 Jahren in das Eigentum des Mieters über.

Desweiteren wurden für die Bürger viele Bildungseinrichtungen geschaffen. An 50 Schulen sind genauso viele Bibliotheken, sogenannte „Farois do Saber“ – „Lichter des Wissens“ angeschlossen. Jede davon ist mit über 5000 Büchern ausgestattet, die allen Einwohnern zur Verfügung stehen. Auch der Zugang zu neuen Medien wie dem Internet wurde gefördert. All dies führte dazu, dass Curitiba im Jahre 1996 auf einem Kongress von Städteplanern zur innovativsten Stadt der Welt gekrönt wurde.

Wenn man heute durch die mit Unmengen von Blumen in riesigen Kübeln verzierte Fußgängerzone mit seinen vielfältigen Geschäften schlendert, fällt es einem schwer zu Glauben, dass man sich in Brasilien befindet. Doch die Stadt hat dem Touristen viel zu bieten. Das italienisches Viertel „Santa Feliciade“ gehört genauso zu den Sehenswürdigkeiten von Curitiba wie das berühmte Kopfsteinpflaster und die restaurierten historischen Gebäude der Altstadt. Es scheint unglaublich, dass Curitiba über viele Jahre von Reiseveranstaltern schlichtweg übergangen wurde. Doch die Hauptstadt Paranás braucht sich hinter Rio de Janeiro oder dem Nordosten touristisch nicht zu verstecken. Breite Boulevards, wunderschöne Parkanlagen, eine erstklassisch erhaltene Architektur und eine reizvolle Landschaft machen einen Besuch in Curitiba mit Sicherheit unvergesslich. Auch wenn – so wie mir berichtet wurde – nicht mehr alles Gold ist was glänzt und so allmählich der Putz der Ökofassade abzubröckeln scheint. Doch sie ist nachwievor einen Besuch wert.

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Kommentarbereich

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  1. 1
    Remo

    Ich habe zuvor von der Stadt Curitiba noch nichts gehört, wenn man bedenkt das sie mit 1,7 Millionen Einwohnern sogar etwas größer als Hamburg ist. Aber ich schätze in Brasilien kennt man auch nur Berlin, München und Hamburg.

  2. 2
    digdigger

    In Curitiba trainiert sogar jetzt auch Lothar Mattäus den dortigen Fußballclub.