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Bolivien vor Bürgerkrieg: Brasilien bangt um Gaslieferungen

Datum: 12. September 2008
Uhrzeit: 10:38 Uhr
Leserecho: 2 Kommentare
Autor: Dietmar Lang
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unruhe bolivienDurch die innenpolitische Krise in Bolivien, die sich immer mehr zu einem Bürgerkrieg entwickelt, ist auch Brasilien betroffen. Im grössten Land Südamerika wächst derzeit die Angst vor einer Stromknappheit, denn Brasilien ist dringend auf bolivianisches Erdgas angewiesen. Nachdem vor zwei Tagen durch einen Anschlag auf eine Pipeline die Lieferungen um 10 Prozent reduziert werden mussten, brach gestern die Versorgung für Stunden sogar komplett zusammen. Für die brasilianische Regierung stellen diese Angriffe und Sabotagen auf brasilianische Industriebetriebe im Nachbarland einen „terroristischen Akt“ dar. Eine militärische Intervention plant Brasilien derzeit jedoch nicht. Die Regierung in Brasília hat bislang lediglich angeboten, zwischen den Konfliktparteien zu vermittlen.

Erst Auswirkungen der gestrigen Lieferausfälle von Erdgas waren direkt zu spüren. In Campo Grande im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul fehlte bereits kurze Zeit später an verschiedenen Tankstellen der umweltfreundliche Treibstoff. Mehrere Stunden bildeten sich lange Schlangen an den Zapfsäulen, das restliche Gas in den Tanks wurde rationiert. Fast die gesamte Taxiflotte der rund 800.000 Einwohner zählenden Stadt im Westen Brasiliens wird dort mit Erdgas betrieben.

Das brasilianische Energieministerium hat inzwischen einen Notfallplan ausgearbeitet und will bei Bedarf thermoelektrische Kraftwerke aktivieren, um den Strombedarf besonders in der Wirtschaftsregion São Paulo sicherzustellen. Solche Massnahmen werden in der Regel nur während der Trockenzeit ergriffen, wenn die Flüsse und Stauseen zu wenig Wasser führen und die im ganzen Land verteilten hydroelektrischen Kraftwerke nicht genügend Energie produzieren können.

Noch streiten sich die Analysten, ob in Bolivien schon Bürgerkrieg herrscht oder ob dieser nur kurz bevorsteht. Verschiedene links- und rechtsradikale zivile Gruppen rüsten jedoch nachweislich auf und sagen der jeweiligen Gegenseite unverholen den bewaffneten Kampf an. Knüppel und Steine werden zunehmend durch Gewehre ersetzt. Und auch der venezolanische Präsident Hugo Chavez ist bereit für Morales gegen die Opposition in den Krieg zu ziehen. „Wenn Evo gestützt wird, wenn Evo getötet wird, dann glaubt mir, dass ich in dem Fall grünes Licht haben werde, um jede bewaffnete Bewegung in Bolivien zu unterstützen“ erklärte der Despot in einer auch in Bolivien übertragenen Rede am gestrigen Donnerstag.

Die Folgen eines solchen Verhaltens wären für die Region unkalkulierbar. Bereits zu viele politische Fehler wurden gemacht, begonnen mit der Ausweisung des US-Botschafters in Bolivien, welche die amerikanische Regierung ihrerseits mit der Ausweisung des bolivianischen Botschafters in Washington beantwortete. Chavez, der sich trotz grosser innenpolitischer Probleme und Armut im eigenen Land gerne als Sprecher Lateinamerikas profilieren will, konterte wiederum mit der Ausweisung des US-Botschafters aus Venezuela. Bezeichnend auch ein Äusserung des unberechenbaren Staatsoberhauptes in diesem Zusammenhang: „Scheiss-Yankees, geht zum Teufel! Wir sind ein Volk mit Würde, also fahrt hundertmal zur Hölle!“

Mittlerweile sind in Bolivien bei gewaltsamen Zusammenstössen verschiedener Gruppen mindestens 9 Menschen getötet worden, über 100 wurden nach mehr oder weniger offiziellen Angaben verletzt. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. In vielen Regionen haben die Radiostationen aus Angst vor Angriffen und Plünderungen ihren Betrieb eingestellt oder spielen nur noch Musik aus der Konserve. In den vergangenen Tagen wurden zudem TV-Stationen und Sendeanlagen verwüstet, Informationen sind Mangelware. Auch Handynetze und Internetverbindungen sind teilweise zusammengebrochen. Morales hat die Streitkräfte inzwischen an strategischen Punkten aufmarschieren lassen, ein militärisches Eingreifen dürfte damit unmittelbar bevorstehen, da sich die Opposition mit Sicherheit nicht zurückziehen wird.

Brasilien will sich derzeit im Rahmen der „Gruppe der Freunde Boliviens“ zusammen mit Argentinien und Kolumbien rein auf die Vermittlung konzentrieren. Laut dem zuständigen Delegationsführer, Marco Garcia werde die brasilianische Regierung keinesfalls einen Putsch im Nachbarland akzeptieren. Auf die Frage, ob diese Erklärung bedeuten würde, dass Brasilien eventuell Militärtruppen zur Unterstützung Morales entsenden würde, antwortete Garcia jedoch ausweichend. „Wir hoffen, dass für diese Probleme eine Lösung gefunden wird, damit die Möglichkeit eines Bürgerkriegs abgewendet werden kann.“

Mit Informationen von BrasilienPortal.ch und LatinoFreunde.Net. Foto: infolatam.com

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Kommentarbereich

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  1. 1
    Marc

    Ich kann hier wärmstens einmal einige Artikel in der Telepolis zu dem Thema empfehlen:
    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28689/1.html
    http://www.heise.de/tp/blogs/8/115790
    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28703/1.html
    Das widerspricht doch sehr der von dir in deinem drittletzten Absatz durchscheinenden Intention.

  2. 2
    Fabian

    Hallo,

    sehr interessanter Artikel.

    Die Lage zur Zeit ist mehr als schwammig, jetzt geht es von der anderen Seite los.
    Zur Zeit haben die Campesiños so gut wie das gesamte Departamento Santa Cruz lahm gelegt und in den naechsten Tagen wollen sie private Einrichtungen und Firmen bestetzen.

    Trotz alle dem habe ich eine kleine Auszeichnung fuer diesen Blog, der mich doch immer wieder mit keinen und grossen Themen ueberrascht und informiert.

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