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JJ-3054: ein Jahr nach der Flugzeugkatastrophe von Congonhas

Datum: 17. Juli 2008
Uhrzeit: 23:30 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Dietmar Lang
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absturz congonhasHeute vor einem Jahr ereignete sich das schwerste Unglück in der Geschichte der brasilianischen Luftfahrt. Der Flug TAM JJ-3054 von Porto Alegre nach Congonhas in São Paulo endete in einem gigantischen Feuerball, in dem 199 Menschen ihr Leben verloren. Das Flugzeug rutschte bei regnerischem Wetter über die Landebahn hinaus, raste in ein anliegendes Gebäude und ging in Flammen auf. Am heutigen Abend gedachten rund 1.500 Menschen an der Unglücksstelle der Opfer, 5.000 weisse Rosen wurden verteilt. Noch immer ist unklar, ob das Gelände zu einem Park umgewandelt wird oder ob die Stadtverwaltung dort eine Gedenkstätte errichtet.

Betrachtet man sich heute die Bilder der Katastrophe, so kann man es noch immer nicht richtig nachvollziehen. Und noch immer ist man erschüttert von der Tragik dieses Ereignisses. Ganz Brasilien sah wie ich im Fernsehen Minuten nach den Unglück zuerst nur einen einzigen einsamen Feuerwehrmann, der versuchte, den Brand zu löschen. Ganz Brasilien nahm Anteil an den Angehörigen, deren Hoffnung zerplatzte, als die Liste der Opfer verlesen wurde. Ganz Brasilien hörte die Erklärungen von Luftaufsicht und Flughafenverwaltung, von Experten und Kommentatoren, von Piloten und Sachverständigen.

Ein jedes Unglück kann man verhindern, doch manche Dinge nehmen schicksalhaft ihren Lauf. Wie viele Faktoren letztendlich zusammenspielten, dass es zu der Tragödie kam, wird sich nie klären lassen. Lag es an den fehlenden Wasserablaufrillen, war es ein Pilotenfehler, gaben die Lotsen falsche Daten an den Piloten weiter, lag ein technischer Defekt vor? Oder war es einfach die unglückliche Verkettung mehrerer Ereignisse? Eigentlich ist es unwichtig. Es ist unwichtig, ob die Pilotencrew mehr als 10.000 Flugstunden absolviert hatte, es ist unwichtig, ob eine falsche Information vorlag, ob eine Landeklappe funktionierte oder nicht, ob zuviel Wasser auf der Landebahn stand oder nicht.

Oder auch nicht. 199 Menschen verloren ihr Leben am verkehrsreichsten Flughafen Lateinamerikas. Zu viel Betrieb, überlastete Luftaufsicht, die Krise im brasilianischen Flugverkehr spitzte sich zu. Flüge wurden gestrichen, Routen umgelegt, massive Änderungen vorgenommen und neben der von Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva ausgerufenen Staatstrauer trat sogar der Verteidigungsminister zurück, unter dessen Kommando das Militär den zivilen Flugverkehr bis heute leitet. 199 Menschen sind tot – und nun wurden Regenablaufrillen gefräst, ein Politiker aus dem Amt gejagt und vor allem wurde die Angst geschürt. Die Busgesellschaften mussten plötzlich zusätzliche Kapazitäten schaffen, und wer sich doch noch in ein Flugzeug traute, musste oftmals stundenlang warten, wenn der Flug überhaupt stattfand.

365 Tage später ist die Krise in den Hintergrund gerückt. Auch wir hier im Brasilienportal berichten eigentlich nicht mehr über die ständigen Verspätungen, die kleinen Änderungen bei den Strecken, bei den Abfertigungen. Jeder weiss mittlerweile, dass Fliegen in Brasilien mit Verzögerungen verbunden ist und dass bei so vielen Flügen, die täglich stattfinden, dieses Verkehrsmittel trotz allem eines der sichersten ist. Und in einem Land mit den Ausmassen eines Kontinents gibt es oftmals keine Alternativen. 4 Stunden Flug oder 1 Woche Bus? Wer es sich leisten kann, der fliegt. Und der Boom ist ungebrochen. Bereits im kommenden Jahr wird eine neue Airline versuchen, den brasilianischen Himmel zu erobern, die Marktführer TAM und GOL, die beide im vergangenen Jahr jeweils ein Flugzeug verloren haben, befinden sich weiterhin auf Wachstumskurs und konnten trotz der Tragödien sogar noch Gewinne einfahren.

Brasilien braucht den zivilen Luftverkehr wie das tägliche Brot und so verblassen 199 Todesopfer im Laufe der Zeit zu einem winzigen Zwischenfall, sieht man es in Relation zu den Millionen von Passagieren, die jährlich kreuz und quer im Himmel über Brasilien ihrem Ziel entgegenfliegen und dies auch seit dem Unglück weiterhin praktizieren.

An den Bedingungen im brasilianischen Luftverkehr hat derweil sich wenig geändert. Warum auch? Die Versprechungen sind längst vergessen, und gäbe es nicht einen Jahrestag oder den ein oder anderen Journalisten, der dieses Thema wieder aus der Versenkung holen würde, man könnte fast glauben, es hat sich nichts gar nichts verändert. Und wenn doch? Die Angehörigen der Opfer, die am heutigen Donnerstag in Congonhas in unmittelbarer Nähe zum Flughafen ihren Müttern, Vätern, Schwestern, Brüdern, Kindern gedachten – so manches werden sie von den feierlichen Reden gar nicht verstanden haben. Denn während sie ihre weissen Rosen niederlegten, donnerten im Minutentakt weiterhin Flugzeuge über ihre Köpfe hinweg.

Für Menschen, die dieses Transportmittel brauchen. Für ein wachsendes Land und für eine Gesellschaft, die hofft, dass die Verantwortlichen Chancen und Risiken im Sinne aller sorgfältig abwägen und dabei den Blick jedoch auch in die Zukunft und den gemeinsamen Fortschritt richten als in der Vergangenheit zu wühlen. Denn wie am heutigen Abend das Dröhnen der Turbinen dann irgendwann am Horizont verschwand, so legt sich nun auch langsam das Vergessen über Flug JJ-3054 und 199 Menschenleben.

veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung vom BrasilienPortal – der grossen Informationsplattform über Brasilien

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