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Brasilianische Polizei provoziert blutiges Ende bei Geiselmarathon in São Paulo

Datum: 17. Oktober 2008
Uhrzeit: 23:04 Uhr
Ressorts: Panorama
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Dietmar Lang
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eloa_nayara.jpgEin Geiselmarathon von knapp 100 Stunden ist durch das Eingreifen der Polizei am heutigen Freitag in São Paulo blutig beendet worden. Ein 22-jähriger Mann hatte am Montag schwer bewaffnet seine 15-jährige Ex-Freundin Eloá (li.) und deren Freundin Nayara (re.) als Geiseln genommen, da die Jugendliche die Beziehung beendet hatte. Mehr als vier Tage verbarrikadierte er sich daraufhin mit seinen Geiseln in der Wohnung des Mädchens. Am Freitagnachmittag (17.) stürmte nun eine Polizeieinheit das Appartment in Santo André im Stadtteil ABC Paulista in der brasilianischen Wirtschaftsmetropole. Dabei wurde Eloá durch Schüsse in Kopf und Leiste lebensgefährlich verletzt, Nayara wurde durch eine Kugel in den Kiefer getroffen. Bislang ist unklar, aus welchen Waffen die Schüsse abgefeuert wurden und ob unter Umständen die Geiseln sogar durch den unüberlegten Polizeieinsatz verletzt wurden.

Am Montagmittag (13.) gegen 13:30 Uhr Ortszeit kam der 22-jährige Lindemberg Alves zur Wohnung seiner 15-jährigen Ex-Freundin, die bereits vor geraumer Zeit die Beziehung beendet hatte. Er verschaffte sich Zugang zu dem Appartment und nahm dabei das Mädchen, ihre gleichaltrige Freundin sowie zwei weitere Freunde als Geiseln. Am Montagabend liess er bereits die beiden Jungen frei. Auch Nayara konnte am Dienstag die Wohnung verlassen, kehrte jedoch am Donnerstagmorgen nach stundenlangen Verhören durch die Polizei an den Ort des Geschehens zurück. Ursprünglich sollte sie nur als Bezugsperson mit dem Geiselgangster verhandeln, doch schliesslich betrat sie angeblich freiwillig erneut die Wohnung.

Dass dies durch die Militärpolizei geduldet bzw. ermöglicht wurde, stiess bei den Angehörigen auf ernorme Kritik, verstösst es eindeutig gegen jegliche Gesetze zum Schutz von Kindern und Jugendlichen. Der Vorgang wird derzeit vom zuständigen Jugendamt untersucht. Laut den Einsatzkräften wurde das Mädchen jedoch nicht erneut als Geisel genommen und hätte den Ort jederzeit wieder verlassen können. Warum dies nicht geschah, ist bislang ungeklärt.

Lindemberg kam mit zwei Revolvern und ausreichend Munition am Montag zum Tatort, was darauf schliessen lässt, dass er die Geiselnahme hinreichend geplant hat. In den vergangenen Tagen hatte er zudem nach Polizeiangaben vier Schüsse abgefeuert, ein entsprechends Gewaltpotential war also ebenfalls durchaus vorhanden. Umso unverständlicher erscheint derzeit die Erstürmung der Wohnung am frühen Freitagabend bei Tageslicht und unter Anwesenheit unzähliger TV-Kameras.

Laut Angehörigen und Polizei geschah die ganze Aktion des 22-jährigen rein aus Eifersucht. Von Familienmitgliedern und Freunden wird er als sehr streitsüchtig beschrieben, der jedoch unbedingt seine verlorene Liebe zurückgewinnen wollte. Doch Eloá sah die Beziehung als endgültig beendet an und wollte auch nicht mehr mit ihm reden. Nur durch Waffengewalt konnte er nun erneut ein Gespräch erzwingen. Wie er am Mittwoch in einem telefonischen Interview mit einem lokalen TV-Sender erklärte, habe seine Ex-Freundin ihm jedoch dabei „den Rücken zugedreht und reden lassen“.

Die taktische Spezialeinheit beschloss nun nach Tagen des aussichtlosen Verhandelns – und vielleicht auch aufgrund des bevorstehenden Wochenendes – die Wohnung zu stürmen. Kurz nach 18 Uhr Ortszeit und perfekt zum Feierabendprogramm explodierte ein Sprengkörper an der Wohnungstür und Polizisten verschafften sich über eine an der Haus angelegten Leiter Zugang zum Appartment. Als erstes wurde die angeblich erneut freiwillig in der Wohnung verbliebende Nayara in Sicherheit gebracht. Kurz darauf wurde auch Eloá aus der Wohnung getragen, sofort medizinisch behandelt und mit einem bereitgestellten Krankenwagen abtransportiert.

Nach einem Handgemenge – verschiedene TV-Stationen hatten sich mittlerweile live zugeschaltet – konnte Lindemberg überwältigt werden und wurde von drei Polizisten unverletzt zu einem Einsatzfahrzeug gebracht. Bereits um 18.25 Uhr Ortszeit befand er sich schon auf der zuständigen Polizeiwache und wurde später in ein normales Gefängnis überstellt. Die Polizeiaktion wurde gestartet, nachdem seitens eines Staatsanwaltes die „physische Integrität“ der involvierten Personen garantiert wurde. Laut Lindembergs Anwalt war dies eine Bedingung des Geiselnehmers.

Am Ende des Geiselmarathons sieht die Bilanz für die Spezialeinheit für taktische Operationen GATE nicht besonders gut aus: der Geiselgangster ist unverletzt, die Geiseln tragen Schussverletzungen davon. Eloá, der bei einer ersten Notoperation die Kugel nicht aus dem Kopf entfernt werden konnte, liegt im Koma und schwebt in aktuter Lebensgefahr. Die Ärzte wollen nun über das Wochenende abwarten, wie der Körper der 15-jährigen auf die schweren Verletzungen des Gehirns reagiert. Mit dauerhaften Schäden wird jedoch bereits jetzt gerechnet.

Die Polizei verteidigte erwartungsgemäss bereits kurz nach den Einsatz in langatmigen Ausführungen die Aktion. Denn die Exekutive von São Paulo steht derzeit besonders im Rampenlicht, haben sich doch Zivilpolizei und Militärpolizei am Donnerstag nicht um die Bekämpfung von Verbrechen gekümmert, sondern sich lieber untereinander Strassenschlachten geliefert. Über 30 Beamte wurden dabei übrigens verletzt. Und vielleicht war manch einer nach einer solch aufregenden Woche tatsächlich bereits im Wochenende!

Foto: Divulgação

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